Der kleine Gauss und Ihre Inbox

Der kleine Gauss und Ihre Inbox

Vernetzte Strukturen und eMail passen nicht zusammen. Den Beweis dafür lieferte Carl Friedrich Gauss bereits im 18. Jahrhundert.

Das deutsche Genie Carl Friedrich Gauss ermittelte – der Überlieferung zur Folge bereits als 9-Jähriger – eine Formel zur Berechnung der Summe in einer arithmetischen Reihe. Diese Summenformel wird Kleiner Gauss genannt und gelangt auch zur Anwendung, wenn die Anzahl der Verbindungen in einem vollständigen Graphen bestimmt werden soll. Ohne näher darauf einzugehen: Die Zahl wächst quadratisch mit der Anzahl der Knoten im Graphen.

Was das mit der Zukunft der Arbeit zu tun hat? Eine Menge. Der Graph, von dem wir sprechen, ist das Orgchart Ihres Unternehmens, die Knoten sind die einzelnen Mitarbeiter. Und das Ergebnis sehen Sie jeden Tag in Ihrem Posteingangsfach.

Der Reihe nach. In streng hierarchischen Strukturen gibt es den sogenannten Dienstweg, also eine klar definierte Kommunikationsstruktur, die festlegt, wer mit wem zu welchem Zweck in Kontakt treten kann und darf. Dass ein “einfacher” Mitarbeiter mehrere Hierarchiestufen überspringt und dem Chef direkt ein Mail sendet, ist in solchen Organisationen die rare Ausnahme.

Doch so sind Unternehmen heute nicht mehr aufgebaut. Pyramidenartige Orgcharts gehören immer öfter der Vergangenheit an, wurden zunächst durch flachere Pyramiden und später durch Matrix-Strukturen abgelöst. In Zukunft wird Arbeit immer stärker auch projektorientiert stattfinden und dementsprechend strukturiert. Starre Aufbauorganisationen und am Dienstgrad orientierte Kommunikationswege passen da nicht so recht ins Bild. Immer öfter ist das Projektteam die entscheidende Struktur im Unternehmen. Mit wechselnden Hierarchien: Heute ist Frau Müller Projektleiterin, morgen ist sie einfaches Mitglied in einem anderen Projektteam. Immer seltener ist das “Oben” in Organisationen eine klar erkennbare Konstante.

Im Ergebnis sind die Kommunikationswege im Unternehmen wesentlich demokratischer geworden, jeder kommuniziert mit jedem. Aus dem ehemals baumartig aufgebauten Dienstweg wird eine Struktur, in der es einen Kommunikationspfad von jedem Mitarbeiter zu jedem anderen gibt. Mit der Folge, dass eMail Überhand nimmt und Ihre Inbox jeden Tag aufs neue von unzähligen Mails aus allen Teilen des Unternehmens gefüllt wird.

Und damit sind wir wieder bei Gauss: Die Summe der Kommunikationspfade wächst quadratisch mit der Anzahl der Mitarbeiter. Und das bleibt so, selbst bei bestem Willen, bei höchster Disziplin und unter Anwendung sämtlicher eMail-Tricks und Kniffe.

In der Konsequenz bedeutet das, dass eMail (und jede andere Form von linearer Punkt-zu-Punkt-Kommunikation) für die Zukunft der Arbeit nicht optimal geeignet ist. Oder, etwas differenzierter ausgedrückt, nicht das einzige Medium sein kann. Andere Kommunikationsstrukturen sollen und müssen ergänzend eingesetzt werden, wenn wir nicht die Hälfte unseres Arbeitstages im Posteingangsfach zubringen wollen. Soziale Medien sind da bereits ein spannender Ansatz – sie vermitteln Information, ohne auf die Analogie des Briefverkehrs zurückzugreifen.

Was der kleine Gauss uns vor 200 Jahren vorgerechnet hat, ist heute relevanter denn je: In der Zukunft der Arbeit müssen wir Kommunikation neu denken.

Franz Kühmayer ist geschäftsführender Gesellschafter des Managementberatung KSPM, die sich auf „Future of Work“ spezialisiert hat. KSPM ist richtungsweisend darin, zukunftsorientierte Formen der Kommunikation und Zusammenarbeit in Unternehmen einzuführen und begleitet führende Unternehmen in ganz Europa auf ihrem Weg in die “Neue Welt der Arbeit”.
Link: www.kspm.at