Wer gewinnt in der Welt des Web 2.0: Jeans- oder Krawatten-Träger? – Part 2

Wer gewinnt in der Welt des Web 2.0: Jeans- oder Krawatten-Träger? – Part 2

Amadei: Starten wir die Diskussionsrunde! Was meint Ihr, ergänzen sich die zwei Welten, oder ist jemand doch der Meinung, dass das Web 2.0, die Jugendkultur oder die Jungunternehmerszene sehr schnell aufholen wird und wirklich große Unternehmen entstehen beziehungsweise Protagonisten aus der Szene hochrangige Positionen besetzen werden?

Vorsteher: Ich spreche jetzt vermutlich für die sehr jungen Leute und jene, die in der Internet Szene aufgewachsen sind. Ich bin es gewohnt ein Handy zu haben, bin mit dem Internet aufgewachsen und habe es seit meinem sechsten Lebensjahr. Ich glaube, dass Ideen die das Internet betreffen deswegen sehr stark von der Jugend ausgehen. Was man bei großen Unternehmen schnell bemerkt, ist, dass man Ideen sehr schnell adaptieren und unterstützen kann und selbst daraus Vorteile ziehen kann.

Nicolas Paul Vorsteher

Nicolas Paul Vorsteher

Das sieht man zum Beispiel bei Google. Google gibt es schon 10 oder 20 Jahre und ist schon lange kein Startup mehr. Das Unternehmen greift junge Ideen auf, unterstützt diese und nutzt sie für sich selbst. Ich glaube, dass dieses „Mitziehen“ ein Ansporn für große Unternehmen ist. Ich als Ideengeber habe die Aufgabe diese Ideen aufzugreifen und diese in einem größeren Netzwerk und einer größeren Vermarktungsmaschine, die ein großes Unternehmen hat, auch entsprechend umzusetzen.

Amadei: Was sagt die CIO-Runde? Wird das wirklich so gelebt, dass man Ideen aufgreift und für sich nutzt?

Buchner: Also ich glaube die Motive bei großen Unternehmen sind sicherlich nicht rein ethischer sondern rein kommerzieller Natur. Funktionierende Unternehmen aus egal welcher Branche, die Ihre Ideen nicht produktiv beziehungsweise kommerziell-produktiv umsetzen und auch einsetzen, überleben nicht lange. Das Internet ist ein Medium, dass so gut wie von jedem Unternehmen genutzt wird. Und so profan es auch klingt, der Hintergrund ist immer kommerzieller Natur. Ohne den würden Unternehmen einen Großteil oder einen wesentlichen Teil ihrer Kundschaft verlieren, deswegen machen sie es und daher sind sie in der Zwangslage es zu tun. Das ist keine Freiwilligkeit und schon gar kein Edelmut.

Amadei: Aber in wie weit wird auf die Ideen dieser Jungunternehmen Rücksicht genommen?

Sikora: Ich würde das mit der Kommerzialisierung eine Spur verallgemeinern und es abstellen auf den Unternehmenszweck. Ich bin jung Geschäftsführer geworden und das erste was ich in unserer Gründungsurkunde gelesen habe war „was ist unser Unternehmenszweck?“. Das ist der Punkt, wo man sagt, dass es innerhalb des Unternehmenszwecks verschiedene Wege gibt. Entweder man geht nur den einen oder man probiert mehrere Wege und Möglichkeiten aus. Beim ELBA war es so, dass wir neue Ideen aufgegriffen haben und uns verändern wollten. Das war damals fast „Startup-mäßig“. Wenn ein Unternehmen 2 bis 3 Mal keine neuen Ideen aufgreift, dann wird es bald nicht mehr existieren. So einfach ist die Geschichte. In meiner Generation gab es diese Startup-Szene gar nicht.

Mahlodji: Ich stimme Nikolaus zu, man darf nicht auf jeden Zug aufsteigen, nur weil es einen gibt. Die Möglichkeiten über das Internet sind unzählige.

Sikora: Faszinierend finde ich  die Fehleinschätzung innerhalb der „New Economy“, welche noch niemand hinterfragt hat. Warum gelang Mark Zuckerberg mit einer primitiven Idee der Durchbruch und Google hat es einfach übersehen? Man braucht nur mit den PhD Professoren der beiden sprechen. Es war Google einfach zu primitiv und sie sind nicht auf die Idee gekommen, dass das wer machen könnte. Es war null Challenge. Was mich sehr bei Startups fasziniert, ist ihr Unternehmergeist. Ich frage mich, ob die „Generation Facebook“ einen radikalen Wandel auslösen wird, wenn diese in den Vorstandsebenen ankommt. Ich glaube wir stehen erst am Beginn der Internetrevolution. Ich habe 1982 zu studieren begonnen, da wurde gerade der IBM PC präsentiert. Was sich in der Zeit getan hat, ist einfach unfassbar und die technischen Fortschritte werden immer schneller. Ich glaube das Schöne an der Startup Szene ist, dass Nerds endlich salonfähig sind. Ich habe in Amerika ein T-Shirt gesehen – „Be nice to Nerds, chances are, they will be your boss“. Ich finde das hat was.

Vorsteher: Stimmt absolut. Ich bin in dieser Szene groß geworden. Mein Vater hat die ersten Silicon Graphics Computer nach Europa geholt. Damals habe ich verstecken gespielt und wurde als Freak bezeichnet. Und heute wird es medial gepusht und ist extrem salonfähig. Das typische Bild ist der Hipster aus Berlin, der in der einen Hand die Red Bull Dose trägt und in der anderen Hand den Porsche Schlüssel hält. Ich finde es nicht schlecht, dass dieses Bild präsentiert wird, da es jungen Startups die Aufmerksamkeit, die sie im Unternehmertum brauchen, bringt. Man muss aber aufpassen, dass man nicht zu viel erzählt. Weniger Storytelling und mehr Decisionmaking.

Mahlodji: Mir ist gerade eingefallen, dass wir im Team zwar alle unter 30 sind, aber unsere wichtigsten Berater, meine „Business Angels“, 61 und 67 Jahre alt sind. Beide treffe ich einmal im Monat. Sie sind meine größten Ratgeber, geben mir die Ruhe und sagen, „mach dir nicht in die Hose, ihr seid nicht die einzigen Startups“. Sie helfen uns zu lenken und zu wachsen.

Mag. Sindy Amadei

Amadei: Es gibt aber auch sehr viele Jugendliche, die absolut keine „Business Angels“ haben wollen, da sie meinen, sie mischen sich zu stark in das Tagesgeschäft ein.

Mahlodji: Unsere Berater lassen uns machen und mischen sich nirgends ein.

Steinhauser: Das ist abhängig von der Person. Man muss die richtige Person finden, die auch zu einem passt.

Buchner: Es gibt auch halb arbeitslose Berater, die die Chance sehen, durch junge und unerfahrene Startups reich zu werden. Da gibt’s viele schlechte Beispiele. Aber es gibt noch ein Paradebeispiel: Google hat sich Eric Schmidt geholt. Warum? Google hatte keine nachhaltige Strategie, die von der Börse goutiert wurde. Ihnen war nicht bewusst, in welcher dramatischen Situation sie waren und sie haben sich einen „Old Economy“ Eric Schmidt geholt.

Sikora: Ein anderes Beispiel ist „bet and win“ mit Herrn Androsch.

Vorsteher: Ich glaube das ist der Punkt, wo Nachhaltigkeit hineinkommt. Die Idee und das ganze Startup-Life ist schön und gut, aber irgendwann kommt dann der Punkt, wo man ein stinknormales Unternehmen wird – mir geht’s genauso. Das ist dann der Punkt, wo jemand mit Erfahrung dem Unternehmen sehr gut tut.

Amadei: Wie viele Startup Unternehmen scheitern hier, weil sie es verpassen diese Entscheidung zu treffen?

Vorsteher:  Ich würde sagen, wenn man an diesem Punkt ist, ist das Scheitern schon passiert. Es gibt viele Ideen, die nicht die Qualität haben dorthin zu kommen. Wenn man dort ist, ist man schon auf dem richtigen Weg und holt sich am besten jemanden für den operativen Bereich.

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links: Ali Mahlodji
rechts: Sebastian Heinzel

Heinzel: Für mich war die schwierigste Phase der Schritt von den ersten 4 bis 6 Leuten bis zu 10 bis 15 Personen. Ab diesem Zeitpunkt braucht man Kommunikationsprozesse, Spielregeln und vieles mehr. Das alles aufzusetzen war eine viel größere Challenge, als ich selber vermutet habe. Bevor ich Tripwolf gestartet habe, war ich Journalist. Als Journalist ist man eher ein Einzelkämpfer und muss nicht ständig in einem Team arbeiten.

Sikora: Sindy, du hast gefragt, wie viele daran scheitern. Ich habe vor einem Jahr begonnen 2 bis 3 Mal im Monat an der FH Wien zu unterrichten. Ich stelle den Studenten immer die Frage, wie wichtig ist die Idee und wie wichtig ist die Umsetzung? Natürlich sagen alle die Umsetzung ist wichtiger, denn wenn du die Idee hast, funktioniert es. Ich habe dieselbe Frage auch meinem Team gestellt. Über 90% fanden die Umsetzung wichtiger als die Idee. Wir haben damals begonnen auf Kommunikationstools und interne Prozesse zu setzen. Bei uns gibt’s für alles einen Prozess. Es haben alle gesagt, vergiss‘ die Idee, wenn du sie nicht umsetzen kannst, kannst gleich einpacken.

Amadei: Wir haben für den App-Kongress diese App Competition. Es gibt einige Startups, die würden da gerne mitmachen, aber es gibt die Angst, dass  die Idee geklaut wird…

Steinhauser: Ich finde diesen Ansatz total falsch, weil je mehr du über die Idee redest, je mehr die Leute davon wissen, desto besser wird die Idee durch das Feedback das du bekommst.

Mahlodji: Die Angst ist meiner Meinung nach berechtigt.

Buchner: Ich glaube das Internet Umfeld ist gar nicht dafür ausgerichtet, dass man hier geschützte, patentierte Lösungen durchziehen kann, die keiner kopieren kann. Das System macht es nicht möglich. Ein Programmierer kann eine App nachbauen, wenn er sie nur sieht.

Schmutz: Was sich meiner Meinung zu früher zu stark verändert hat, ist, dass man mit einer Idee sehr rasch zu einem Geschäftsmodell kommt und diese Idee sehr rasch umsetzt. Ich glaube das hat sich ganz stark geändert und insofern hat sich auch die Gründung eines Unternehmens geändert. Früher hat man sehr viel pro aktiv machen und sich um sehr viel kümmern müssen. Damals musste man zuerst Angestellte haben, bevor man noch Kunden hat. Heute passiert es oft nebenbei, zum Beispiel in der Garage oder ehrenamtlich. Mit sehr viel Red Bull wird eine Idee geboren. Bald bekommt man die ersten Kunden und es ergibt sich ein Geschäftsmodell. Letztendlich kommt man in den Markt hinein und es gelten dieselben Regeln die schon lange da sind. Man braucht ein Prozessmanagement und eine Organisation, ebenfalls braucht man verschiedene Funktionen und Rollen. Die größte Herausforderung von heute ist wahrscheinlich den Übergang vernünftig zu machen. Aber wie gesagt, für mich wird auch sehr viel überbewertet.

Sikora: Ich finde die Skalierung extrem interessant. Wenn man klassische Unternehmen nimmt, muss man in Mitarbeiter investieren, dann steigt der Umsatz im Verhältnis. Und in der „New Economy“ ist das mit einer guten Idee schnell umgesetzt, man ist auf der ganzen Welt bekannt und wird schnell Millionär.

Mahlodji: Aber die Skalierbarkeit gibt es schon seit Ewigkeiten. Die skalierbarsten Produkte aller Zeiten waren zum Beispiel Bücher und CDs. Dann hat es jemanden gegeben der sich gedacht hat, jetzt entwickle ich ein Produkt mit dem man  alle auf der ganzen Welt erreichen kann und schaffte das Internet. Und mit Hilfe des Internets wurden alle Barrieren, die der Mensch aufgebaut hat, durchbrochen.

Sikora: Ich kann mich sehr gut an eine Besprechung mit einigen Generalchefs vor 7 bis 8 Jahren erinnern. Einer war dabei, der gesagt hat, dass das Internet einen dramatischen Effekt haben wird. Alle anderen hielten das für unmöglich, weil sie meinten, dass Recruiting exakt das Gegenteil vom Internet wäre, nämlich persönlicher Kontakt und Netzwerke auf persönlicher Ebene. Derjenige der das gesagt hat ist mittlerweile einer der erfolgreichsten Personalisten. Er macht 90% nur mehr über Internet und das innerhalb von wenigen Jahren.


Im dritten Teil wird über Trendthemen, wie Cloud, Apps und Mobility diskutiert und welche Bedeutung sie für interne Prozesse haben.

Part 3: coming soon!
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