Wer gewinnt in der Welt des Web 2.0: Jeans- oder Krawatten-Träger? – Part 3

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Amadei:  Welche Bedeutung haben die Trendthemen Cloud, Apps und Mobility für die internen Prozesse und in welchem Ausmaß nutzen Startups solche Lösungen?

DI Wolfgang Buchner & Prof. Dr. Hermann Sikora

links: DI Wolfgang Buchner
rechts: Prof. Dr. Hermann Sikora

Buchner: Cloud ist für mich persönlich eine der größten Verbaltricksereien die es gibt – charmant formuliert. Es ist nichts anderes, als eine technische Form, wie ich externe Ressourcen nutzen kann. Ich hatte unlängst ein prägnantes Erlebnis, als ich versucht habe in ein Projekt „Google Enterprise“ einzusetzen. Ich habe mir Verträge von einem Anbieter schicken lassen und  habe diese meiner Juristin gegeben. Von ihr habe ich dann zu hören bekommen: „Ich habe relativ schnell zum Lesen aufgehört. Herr Buchner, wenn sie das unterschreiben, unterschreiben Sie eine Anleitung zum Gesetzesbruch und stehen mit einem Bein im Häfen.“ Was angeboten wird, ist vorsätzlicher Verstoß gegen das Datenschutzrecht, gegen das Datenschutzgesetz in Österreich, und  so weiter. Egal wie hip und modern die Cloud erscheint, man muss sehr genau unterscheiden und relativ gut hinschauen. Ich finde man kann nicht sagen, dass die Cloud eine Lösung ist. Meiner Meinung nach ist sie überhaupt keine Lösung, sondern ein Name unter dem viele Berater versuchen nachzuschwimmen. Es ist letztendlich ein Technologie Service über das Internet – mehr ist es nicht.

Mahlodji:  Bei uns läuft intern alles in der Cloud. Der Grund ist ziemlich einfach, ich will nicht, dass mein Rechner gefladert wird und ich nicht mehr weiterarbeiten kann. Ich lasse mir einreden, dass für ein staatliches Unternehmen oder Unternehmen der Stadt Wien die Sicherheitsbedenken irrsinnig wichtig sind. Unsere Userdaten würde ich zum Beispiel nie Google anvertrauen oder die Videos, die wir haben, würden wir nie auf YouTube stellen. Meiner Meinung nach, muss man sich genau überlegen, welche Lösung für mich als Unternehmer die beste ist. Einen Mitarbeiter, der immer am selben Arbeitsplatz sitzt,  wird die Cloud relativ wurscht sein, jemand der 30% seiner Zeit unterwegs ist und immer alle Daten dabei haben muss, wird die Cloud viel mehr nutzen. Also ich setzte schon auf die Cloud.

Heinzel: Als wir im Jahr 2004 mit Tripwolf gestartet sind, haben wir einen Haufen Server in einem  Rechenzentrum gekauft. Ich habe mich auch nie gefragt, ob ich erstmals Rechenzeit bei Amazon Cloud kaufen soll.

Vorsteher: Man hat Cloud Computing der Masse zugänglich gemacht und verdient damit auch Geld. Und Cloud ist ein schöner Name und deshalb funktioniert es auch gut.

Buchner: Pfiffiger Name zweifellos.

Sikora: Damals habe ich über das Thema Cloud publiziert und recherchiert, woher der Name kommt. Erstaunlicherweise kommt er aus den 1960er Jahren, aus der Telekommunikationsbranche. Wir definieren zwischen Cloud und Cloud Computing, welche stark unterschieden werden sollen. Cloud Computing ist ein Geschäftsmodell, welches auf der Technik der Cloud aufsetzt. Cloud Computing ist der Zugang über das Internet, die totale Skalierbarkeit, also totale Elastizität und verbrauchsabhängige Verrechnung. Alles andere ist keine Cloud, wird aber oft als solche vermarktet. Der gesamte Consumer Bereich, da bin ich fest davon überzeugt, wird binnen kürzester Zeit in der Cloud sein. Das gefährliche ist, wenn Leute die Cloud für alles Mögliche verwenden, ohne zu überlegen was genau dahinter steckt.

Vorsteher: Wenn man mit Datenschutz anfängt, dann kann man gar nicht mehr damit aufhören…

Sikora: Da habe ich überhaupt kein Verständnis, wenn Leute herumjammern. Einfach AGBs und Verträge durchlesen und man weiß, was Sache ist.

Amadei: Das hat sich aber auch sehr geändert. Ist es nicht so, dass wir alle viel leichtsinniger damit umgehen?

Mahlodji: Wenn es um Finanzdaten geht, ist man schon etwas vorsichtiger.

Buchner: Das Internet und die Cloud bringen für den einzelnen sehr viele Gefahren, weil jeder sorglos mit seinen Daten umgeht und nicht weiß, was alles wie gespeichert wird. Wir überleben ja nur dadurch, dass wir so viel Zeug und so viel Müll ins Internet stellen, sodass nicht einmal die CIA nachkommen würde, alles zu analysieren.

Sebastian Heinzel & Mag. Sindy Amadei

links: Sebastian Heinzel
rechts: Mag. Sindy Amadei

Amadei: Wie schaut die Zukunft aus, was meint Ihr? Wie können die Startups von den etablierten Unternehmen, von Führungskräften mit Erfahrung auch profitieren und/oder umgekehrt?

Heinzel: Das wichtigste ist meiner Meinung nach zuzuhören und sich trauen zu sagen, dass man sich nicht auskennt oder etwas nicht versteht. Ich kenne so viele Startups, die einfach zu stolz sind jemanden zu fragen, der reifer und älter ist. Wenn sie dann doch einmal fragen, bereuen sie ihre Entscheidung nie.

Amadei: Wie kann man sich ergänzen?

Buchner: Ich denke es kann eine vernünftige Symbiose geben. Die Startups bringen neue Ideen, wie man an eine Applikationsentwicklung herangeht, weniger von der Technik sondern von der Darbringung und Kreativität. Umgekehrt können die etablierten Unternehmen das strukturelle Gerüst und die Erfahrung einbringen.

Schmutz: Ich finde es gibt da auch ganz konkrete Ansätze. Ich finde zum Beispiel die Open Data Initiative ist genau das, wo große Unternehmen sich auch trauen Daten herzugeben und letztendlich einer Community bereitstellen. Dort entstehen dann Ideen, was man mit den Daten machen kann und daraus werden schließlich  Apps entwickelt und das sind dann eigene Geschäftsmodelle. Open Data bewegt etwas. Für mich ermöglicht das auch genau diese Zusammenarbeit zwischen sehr jungen, ideenreichen und kreativen Mitarbeitern und doch alteingesessen Unternehmern. Das ergänzt sich sehr stark an vielen Stellen. Viele Ideen würden wir uns gar nicht trauen unter dem Label ÖBB auf den Markt zu bringen. Wenn wir unsere Daten über eine Schnittstelle preisgeben und ein Startup hat eine gute Idee, dann ist das was anderes, dann ist es auch leichter möglich.

Vorsteher: Arbeitskultur ist genau was die meisten Startups kommunizieren, Räume die einfach Kreativität zulassen. Wir haben eine riesen Couch bei uns im Büro, bei uns spielen die Leute Xbox, das gehört bei uns dazu. Das ist der Freiraum für Kreativität den wir zulassen. Aber man merkt, dass in großen Unternehmen immer mehr und mehr für ein Umfeld in dem man sich wohl fühlt, gesorgt wird.

Amadei: Das Problem ist, dass es auch authentisch sein muss. Man kann nicht einfach eine Couch hineinstellen und Kreativität erwarten, genau das versuchen aber sehr viele Unternehmen. Nur wird es nicht so einfach angenommen. Viele Mitarbeiter sagen zwar, dass alles super und toll ist, aber oft sinkt die  Mitarbeiterzufriedenheit, weil niemand mehr einen eigenen Arbeitsplatz und Rückzugsort hat.

Mahlodji: Als Startup kannst du dir vieles erlauben.

Ali Mahlodji

links: Nicolas Paul Vorsteher
Mitte: Markus Steinhauser
rechts: Ali Mahlodji

Bei uns gibt es einen „Focus Day“, wo jeder Mitarbeiter sich „committen“ muss nicht ins Büro zu kommen. Er muss von irgendwo arbeiten, egal von wo. Ich finde, dass das eine gute Abwechslung ist, um den Kopf frei zu bekommen. Außerdem bekommt jeder Mitarbeiter, der 3 Monate bei uns dabei ist, weiße Turnschuhe geschenkt. Wir hatten auch schon Bewerbungen mit dem Betreff „ich hätte auch gern weiße Turnschuhe“. Aber hätte ich das bei Siemens vorgeschlagen, hätten die mich gefragt, ob ich deppert bin.

Buchner: Und es geht ohne politisch zu werden, solange du keinen Betriebsrat hast.

Amadei: Mich würde noch interessieren, ob sie jemals darüber nachgedacht haben, sich mit einer Idee selbständig zu machen oder hatten Sie eine Idee und haben dann entschlossen durchzustarten?

Sikora: Zu Beginn meines Studiums hatte ich ein Konzept. Zu der Zeit habe ich dann leider oder Gott sei Dank ein sehr lukratives Angebot bekommen und bereue meine Entscheidung überhaupt nicht.

Buchner: Ab einem gewissen Alter, wenn man Familie und Hund und ähnliches hat, reduziert sich die Risikobereitschaft enorm. In jungen Jahren hat sich die Frage für mich gar nicht gestellt. Damals hat der Schwarz-Weiß-Bildschirm mehr gekostet, als ich in zwei Jahren verdient habe. Heute kaufst du einfach einen Laptop um 400 Euro und kannst dich selbständig machen.

Mahlodji: Man muss auch die ganze Arbeitslast berücksichtigen. Ich arbeite Tag und Nacht, schlafe täglich maximal 5 Stunden und mein Tag startet um 5:30 Uhr. Das hält man auf Dauer nicht lange durch. Ich habe in den letzten Jahren 14 kg zugenommen, war früher in der Wiener Basketballliga aktiv, heute maximal noch als Zuschauer.

Buchner: Na schau, und ich spiele heut noch.

Amadei: Vielen Dank für die spannende Diskussion und die interessanten Inputs! Wir sehen uns beim Überall App Kongress, wo ich im Prinzip genau diese zwei Welten zusammen bringen möchte.

Linktipp: http://www.uberall.at/

 

Moderation:
Mag. Sindy Amadei, Geschäftsführerin / LSZ Consulting

Diskutanten:
DI Wolfgang Buchner, Geschäftsführer / Wien IT EDV Dienstleistungsgesellschaft mbH & Co KG
Sebastian Heinzel, Geschäftsführer und Gründer / Tripwolf GmbH
Ali Mahlodji, BSc. , Geschäftsführer und Gründer / Whatchado GmbH
Christoph Schmutz, CIO / ÖBB Personenverkehr AG
Prof. Dr. Hermann Sikora, Geschäftsführer / GRZ IT Center Linz GmbH
Nicolas Paul Vorsteher, Geschäftsführer und Gründer / Mercury Puzzle UG

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